Tag-Archiv für 'Poesie'

Mal ein paar tolle Gedichte aus der Reihe “Mensch” von Eugen Roth

Man wird bescheiden
Ein Mensch erhofft sich fromm und still,
Daß er einst das kriegt, was er will.
Bis er dann doch dem Wahn erliegt
Un schließlich das will, was er kriegt.

 

 

Briefe, die ihn nicht erreichten…
Ein Mensch denkt oft mit stiller Liebe,
An Briefe, die er gerne schriebe.
Zum Beispiel: “Herr! Sofern Sie glauben,
Die dürften alles sich erlauben,
So teil ich Ihnen hierdurch mit,
Daß der bewußte Eselstritt
Vollständig an mir abgeprallt -
Das weitere sagt mein Rechtsanwalt!
Und wissen Sie, was Sie mich können?…”
Wie herzlich wir dem Menschen gönnen,
An dem, was nie wir schreiben dürfen,
Herumzubasteln in Entwürfen.
Es macht den Zornigen sanft und kühl
Und schärft das deutsche Sprachgefühl.

 

 

 

So ist das Leben
Ein Mensch lebt friedlich auf der Welt,
Weil fest und sicher angestellt.
Jedoch so Jahr um Jahr, wenn´s lenzt,
Fühlt er sich sklavenhaft begrenzt
Un rasselt wild mit seinen Ketten,
Als könnt er so die Seele retten
Un sich der Freiheit und dem Leben
Mit edlem Opfermut ergeben.
Jedoch bei näherer Betrachtung
Spielt er nur tragische Verachtung
Un schluckt, kraft höherer Gewalt,
Die Sklaverei und das Gehalt.
Auf seinem kleinen Welttheater
Mimt schließlich er den Heldenvater
Und denkt nur manchmal noch zurück
An das einst oft geprobte Stück,
Das niemals kam zu Uraufführung.
Und er empfindet tiefe Rührung,
Wenn er die alte Rolle spricht
Vom Mann, der seine Ketten bricht.

Robert Gernhardt – Einer überdenkt einiges

Eines der schönsten Gedichte (insgesamt und von Gernhardt) die ich kenne, gerade wieder in einem Gespräch darauf gekommen.
Im Gedenken an den großen Menschenzweifler Gernhardt, Der von Mundart bis “Merci”-Kitsch alles drauf hatte:

 

Einer überdenkt einiges

Und er dachte an die Fraun in seinem Leben
Und befand: Sehr viele waren’s nicht
Und er fragte, was sie ihm gegeben
Und erinnerte sich dunkel: Licht

Und er dachte, ob sie seiner dächten
Und befand: Wahrscheinlich ist das kaum
Und er fragte, was Gedanken brächten
Und erinnerte sich hellwach: Traum

Und er dachte, was sie ihm genommen
Und befand: Die Glut aus meiner Brust
Und er fragte, was er selbst bekommen
Und erinnerte sich seufzend: Lust

Und er dachte an die Folgen all der Lieben
Und befand: Sie gingen reichlich weit
Und er fragte, was davon geblieben
Und erinnerte sich lächelnd: Leid.

Quelle: Robert Gernhardt, Lichte Gedichte.
Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main, August 1999.
S. 27